Musik

Magisch und dämonisch, verführerisch und attraktiv, hocherotisch und genau deshalb eine reale Gefahr für die Männerwelt – das ist Salome. Diese Frauenfigur, der in Kunst und Literatur seit jeher der Stempel der „Femme fatale" aufgedrückt wird, entwickelt sich in der spannenden und höchst verrückten Inszenierung an der Staatsoper Hamburg zu einer totalen Anti-Heldin.

 

Im Regiewerk von Dmitri Tcherniakov zeigt sich die von Jochanaan brüsk abgewiesene Salome als äußerst sperrige Kindfrau, die aus dem Teenageralter noch nicht ganz herausgewachsen scheint.

 

Verkörpert von der litauischen Sopranistin Asmik Grigorian zeichnet der Regisseur ein verstörendes Psychogramm einer unreifen Frau, die in ihrer trotzigen und beängstigend autistischen Art ihre unerwiderte Liebe zu Jochanaan gerächt wissen will.

Dabei scheinen ihre Emotionen unkontrolliert, nicht kanalisiert und ein explosives Gemisch willkürlicher Wutausbrüche zu sein - ein Minenfeld emotionaler Verwirrtheit gepaart mit dem für Salome scheinbar selbstverständlichen Recht auf Besitz.

 

Aufgewachsen in einer vermeintlich feinen Gesellschaft, die lediglich auf materielle Errungenschaften aus ist, spült der Regisseur mit seiner szenischen Ausgestaltung einen Jahrmarkt der Eitelkeiten an die Oberfläche, der wahrhaft oberflächlicher nicht sein könnte. Belanglose Konversation bei Tisch, ein neureicher, vulgärer Habitus und mittendrin ein offensichtlich gelangweilter Jochanaan, der als einziger Intellekt und ein gediegenes Maß an Benimm und Anstand versprüht. Fortwährend mit der Nase tief in einem Buch versunken, wirkt der Bücherwurm langweilig und unaufgeregt.

 

Salome 01 F Monika RittershausSalome. Foto: Monika Rittershaus

 

Was Salome bloß an diesem Mann findet?

 

Während die laute Gesellschaft ausgiebig feiert, versucht Salome voller Verzweiflung Jochanaans Herz zu erobern. Dabei bedrängt Salome Jochanaan vehement, klammert und bettelt, bis dieser sie entnervt und brutal von sich stößt.

 

Wie angewurzelt steht die enttäuschte Salome plötzlich ganz still unter den Gästen und irgendwie auch total neben der Spur, so als wäre sie ein Fremdkörper, der nicht so recht in die feucht-fröhliche Runde der Feierwütigen passen würde.

Apathisch entkleidet sie sich abseits des Pulks, stülpt sich ein schwarz-weißes Kostüm über und fängt an, ihr Gesicht weiß zu schminken. Nun sieht sie aus wie eine Pantomime-Darstellerin, blass, sprachlos und beinahe unsichtbar.

Doch aus diesem weltverlorenen Kokon reißt Herodes, Salomes Stiefvater, sie brüsk heraus. Genüsslich entkleidet er seine Stieftochter und steckt sie in eine geschmacklos türkisfarbene Stoffwolke, die wie ein überdimensionierter Lampion anmutet. In diesem Ungetüm eines Kleides soll Salome nun ihren Schleiertanz aufführen.

Ausstaffiert wie eine objektifizierte Puppe, die Accessoire und Repräsentationszweck zugleich ist, steigt Salome auf die lange Tafel im Esszimmer und schwingt, während sie vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzt, ein rotes Seidenband in rhythmisch sportgymnastischer Manier vor sich her.

Ausdruckslos steuert sie dabei auf Jochanaan zu. Diese Salome ist keine Femme fatale. Und warum sollte sie auch. Schließlich rollt am Ende gar kein Kopf. Was uns die Regie wohl mit dieser Inszenierung sagen will?

Dass sich Salome in ihrem verqueren Geist nur ihren mörderischen Fantasien hingegeben hat? Oder dass der Mythos der Femme fatale tatsächlich nur ein von Männern kreierter Mythos ist, um die Rangordnung der Geschlechter zu legitimieren?

 

Fakt ist: Eine Frau kann nur so gefährlich sein, wie sie im Auge ihres Betrachters wahrgenommen wird. Dmitri Tcherniakov hebt auf eine sehr plakative Art das Bild der „gefährlichen, männerverschlingenden Frau" aus den Angeln und provoziert damit gewaltig.

 

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In einer Traumrolle besetzt, interpretiert die litauische Sopranistin Asmik Grigorian diese multifacettierte junge Frau, die emotional vielschichtig, abgründig und schwer greifbar ist, mit charakterstarkem Tiefgang.

Auch wenn sich ihre darstellende Kunst nicht in gestenreichen Bewegungen äußerst, so offenbart ihre intensive Mimik alles, was es braucht, um emotionale Tiefe und Vielschichtigkeit zu erreichen. Sich selbst als "Miss Emotion" bezeichnend, könnte man versucht sein, Grigorians darstellerische und gesangliche Selbsteinschätzung als anmaßend abzutun.

Doch Gefühle kann diese Frau wirklich in das Auditorium transportieren. Ihr Gesang, der zwar nicht ausschließlich durch klangfarbensatte Makellosigkeit besticht und oftmals unangenehm metallisch klingt, beeindruckt dennoch als gesangliches Gesamtkunstwerk.

Lyrismen gelingen ihr an diesem Abend ebenso verzaubernd schön wie die Kunst der schrillen Hysterie, die ihrer stimmlichen Interpretation Facetten und Kontur verleihen. Was wäre diese Rolle auch ohne die gewisse Prise Mut zur Hässlichkeit?

 

Die Salome steht ihr jedenfalls ausgezeichnet. Und auch die Art, wie Asmik Grigorian es schafft, die Bühne mit reduzierten darstellerischen Mitteln und emotionalen Temperaturen zu durchdringen, macht die Interpretation insgesamt glaubwürdig und authentisch.

Kyle Ketelsen, der vor ein paar Jahren bereits als grandioser Don Giovanni an der Wiener Staatsoper glänzen durfte, wirkt in der Rolle des Jochanaan extrem blässlich. Schließlich spielt er in dieser Inszenierung keinen Frauenhelden auf Beutejagd.

Als Jochanaan sieht man ihn leider fast immer nur von hinten am Ende der illustren Tafel sitzend, vertieft in seine Lektüre. Wenn er nicht gerade singt, ist bis auf wenige aufregende Momente kaum darstellerische Bewegung im Spiel. Der Rollencharakter hält sich dezent und nahezu passiv im Hintergrund einer stark vordergründigen Salome, was offensichtlich so beabsichtigt ist.

Gesanglich hingegen taucht man in einen wohltimbrierten, klangsatten Schmelztiegel ein. Sonor und zugleich elegant: Ketelsens Bariton ist aus einem geschmeidigen Guss, der sich legato-sicher in ausufernd schönen Linien perfekt phrasiert, satt und gaumenrund ins Auditorium absetzt.

 

Salome 01 F Monika RittershausSalome. Foto: Monika Rittershaus

 

So angenehm und saturiert klingt es allerdings nicht, wenn Violeta Urmana als Herodias und John Daszak als Herodes ihrem Gesang Flügel verleihen. Es scheppert stark an mehreren Stellen, besonders in den exponierten Höhen wird es zuweilen anstrengend, den Vibrato-lastigen Stimmen zu lauschen.

Orchestral wird man von der ersten Sekunde an in einen Sog elektrisierender Schwingungen hineingezogen. Düstere Vorahnungen, spannungsintensive Dynamiken, Dramatik pur.

Und das alles in tonal ekstatische Ergüsse verpackt: Was sich Richard Strauss mit Salome kompositorisch erarbeitet hat, ist ein multifacettiertes Psychogramm in tonal raffinierter Formgebung, auch wenn zuweilen das Wechselspiel zwischen Harmonien und Dissonanzen gewaltig am Nervenkostüm des Zuhörers rütteln kann.

Kent Nagano lässt bei seinem Dirigat zuweilen dynamische Nuancierungen vermissen, sodass sich auch agogisch kein steigerungsintensiver Spannungsbogen auf den Höhepunkt zu entwickeln kann.

Insgesamt überzeugte diese intelligente Inszenierung, die Salome nicht als überhöhte Femme fatale darstellte, sondern ihre unvollkommenen, höchst menschlichen Züge konturiert herausstellt.


Richard Strauss: Salome

Musikalische Leitung: Kent Nagano | Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov | Kostüme: Elena Zaytseva | Licht: Gleb Filshtinsky | Dramaturgie: Tatiana Werestchagina, Janina Zell

Letzte Vorstellung: Mittwoch, 15.11.2023, 19:30–21:15 Uhr | Großes Haus der Staatsoper Hamburg, Dammtorstraße 28, in 20354 Hamburg

Weitere Informationen (Staatsoper)

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